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Wirbel um abgeschnittene Hühnerschnäbel

23.05.2014

Gekürzte Schnäbel von Hühnern, abgeschnittene Schwänze bei Schweinen, und das alles wegen der Massentierhaltung: Bei der Diskussionsrunde in Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) gingen die Meinungen der anwesenden Politiker, Landwirte und Naturschützer zum Thema "Tierschutz der Massentierhalter" weit auseinander.

Immer, wenn Heiko Terno zum Mikro griff, wurde die Toleranz der Gegner von Massentierhaltungen auf die Probe gestellt. Für einige Gäste war der Gipfel erreicht, als Terno das Schnäbelkürzen bei Hühnern und Schwänzebeschneiden bei Schweinen als "aktiven Tierschutz" bezeichnete. Da ging ein kurzes Raunen und Füßestampfen durch die Reihen. Denn gekürzte Schnäbel sollen verhindern, dass sich Hühner auf engstem Raum gegenseitig verletzen, und kupierte Schweineschwänze, dass sich die Tiere in Mastanlagen aus Mangel an Beschäftigung nicht gegenseitig in die Schwänze beißen.

Immer wieder prallten am Mittwochabend Meinungen aufeinander, als in der Wittstocker Stadthalle unter dem Motto "Artgerecht statt ungerecht" über Massentierhaltung diskutiert wurde. Zu der Runde eingeladen hatte der Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen. Im Podium Platz genommen hatten neben Heiko Terno, dem Vize-Präsidenten des Landesbauernverbandes Brandenburg, auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer sowie Axel Kruschat, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Brandenburg (BUND). Moderiert wurde der Abend von der Bundestagsabgeordneten Annalena Baerbock. Unter den Gästen waren Landwirte, Tierschützer, Kommunalpolitiker und viele andere am Thema Interessierte.

 

Die zentrale Frage lautete: Wie können Tierschutzstandards eingehalten werden, wenn deutsche Landwirte in der Fleischproduktion gleichzeitig mit Ländern konkurrieren müssen, in denen derartige Forderungen überhaupt keine Rolle spielen? Das Problem: Wenn das Fleisch nicht im eigenen Land zu Dumpingpreisen erzeugt werden kann, werde es aus dem Ausland importiert, hieß es in der Runde.

Heiko Terno wies darauf hin, dass im Land Brandenburg nur 0,4 Großvieheinheiten pro Hektar Land und somit lediglich rund 700.000 Tiere vorhanden seien, zwei Millionen aber würden gebraucht, um den Bedarf zu decken. Gast Georg Beuter aus Blesendorf befürchtete, dass sich das schnell ändern könnte, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Ulrike Albrecht aus Jabel, die sich bereits vor einigen Jahren im Kampf gegen die letztlich doch errichtete Hähnchenmastanlage nahe ihrem Heimatdorf engagiert hatte, sagte, dass man nicht so lange warten dürfe, bis in Brandenburg Verhältnisse wie in Niedersachsen Einzug gehalten haben. "Wenn wir nicht kämpfen", sei das zu befürchten.

Eben, weil Niedersachsen als Eldorado für Mastanlagen gilt, war auch Minister Meyer eingeladen worden. Es gebe rund zehn Millionen Schweine im Land. Auf 100.000 Mastplätze komme etwa ein Arbeitsplatz. Zudem seien bereits 30.000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft verloren gegangen, weil die großen die kleinen Betriebe verdrängten. Da es zu viele Tiere auf zu kleiner Fläche gebe, sei man inzwischen dazu übergegangen, kleine und mittlere Landwirtschaftsbetriebe stärker zu fördern als größere. Überhaupt müsse die Förderung in der Landwirtschaft grundsätzlich umgestellt werden: Weniger Dünger, mehr Gewässerschutz und faire Preise für die Landwirte sollten in den Vordergrund rücken. Dagegen müsse der Trend zu immer größeren Ställen als Folge von immer geringeren Gewinnspannen pro Tier durchbrochen werden. Zudem plädierte er dafür, dass die Gemeinden selbst entscheiden sollten, ob und wo Ställe gebaut werden dürfen. Meyer betonte außerdem, dass alle Firmen, die nach Deutschland importieren wollen, auch europäische Standards einhalten müssten: "Keine Marktöffnung ohne Spielregeln."

Der Protest

Das Thema Massentierhaltung spielt seit etwa einem halben Jahr eine starke Rolle in der Region. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch den Baubeginn einer Hähnchenmastanlage bei Groß Haßlow, in der es künftig mehr als 320 000 Mastplätze geben soll.
Daraus erwuchs zunächst die Bürgerinitiative „Wittstock contra Industriehuhn“, die sich bereits Ende vergangenen Jahres gründete.
Ende März ging dann die Bürgerinitiative „Prignitzer gegen Industriemast“ an den Start, die sich speziell gegen die in Könkendorf (Prignitz) geplante Hähnchenmastanlage eines niederländischen Investors wendet. Dieser möchte dort rund 325 000 Tiere einstallen.
Vertreter beider Initiativen waren auch bei der Diskussionsrunde am Mittwochabend in der Wittstocker Stadthalle mit dabei.

Axel Kruschat sagte, dass der BUND ebenso für die Veränderung von Richtlinien im Immissionsschutz und Baurecht kämpfe wie für die Überarbeitung der Kriterien für die Umweltverträglichkeit von Mastanlagen. Auch Brandschutzauflagen müssten überdacht und Mindeststandards im Tierschutz auf Landesebene angehoben werden.

Unterschiedliche Auffassungen gab es in der Runde am Mittwochabend vor allem, als es um den Einsatz von Antibiotika ging, zu dem es wegen des hohen Tierbesatzes komme und dessen Folgen die verstärkte Bildung von antibiotikaresistenten Keimen sei. Während Kruschat erklärte, dass Masthähnchen an zehn Tagen ihres 39- bis 40-tägigen Lebens mit Antibiotika versetzt würden, konterte Terno, dass daraus resultierende Rückstände "nicht akzeptiert" würden und das Fleisch andernfalls "sofort rausgezogen" werde. Auch ließ er nicht gelten, dass Hygienestandards in großen Mastanlagen schlechter als in kleinen Betrieben seien. Vielmehr sei es umgekehrt. Denn große Mastanlagen könnten sich solche Probleme gar nicht leisten, weil viel zu hohe Verluste damit verbunden wären. Eine bessere Tierhaltung wäre teurer, was sich aber im Fleischpreis niederschlüge. Das wiederum würden weder Verbraucher noch Supermarktketten akzeptieren.

Gegner von Massentierhaltung demonstrierten vor der Stadthalle.

Quelle: Björn Wagener
 

An der Wittstocker Stadthalle hatten sich am Mittwochabend vor und während der Diskussionsrunde Anhänger von lokalen Bürgerinitiativen gegen die Massentierhaltung gewandt und mit Transparenten auf sich aufmerksam gemacht. Gleichzeitig wurden Protestunterschriften gesammelt.

Von Björn Wagener (Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung)